Festrede zum 75. Jubiläum

Der Wohnungsbauverein Siedlung Lebensfreude e.V. feiert heute am 12.06.2026 sein 75jähriges Bestehen.

Anfang der 1950ger Jahre wurde die Siedlung in drei Bauabschnitten durch die späteren Siedlerinnen und Siedler in Eigenleistung erbaut. Die Grundstücke wurden durch die Firma Zerssen bereitgestellt, die dann durch die Siedler auf Erbpacht gepachtet werden konnten. Die Grundstücke waren von der Größe her so bemessen, dass eine gärtnerische Nutzung die Selbstversorgung sicherte. Ein Stallgebäude ermöglichte eine Kleintierhaltung mit Hühnern, Kaninchen und Schweinen.

Auch die Straße „Siedlung Lebensfreude“ und der Vulkanweg wurden in Eigenleistung erbaut. Die Grünflächen wurden in jährlichen Gemeinschaftsarbeiten gepflegt. Der Pflegezustand der Häuser wurde in jährlichen Begehungen durch Vertreter der Firma Zerssen beurteilt und dokumentiert.

So finden sich Eintragungen in den Unterlagen wie: Familie XY Hausnummer X da müssen die Fenster gestrichen werden, Kleintierhaltung im Keller ist verboten, nicht alle hatten das Geld für einen Stall.

Mein Opa Max Sörensen und seine Ehefrau Ida (stellvertretend für alle Siedler und Siedlerinnen) konnten in einem für sie günstigen Bauabschnitt in den Bau der Häuser einsteigen.

Erste Voraussetzung war, man musste bei der Firma Zerssen einen Arbeitsvertrag vorweisen und bereit sein 2000 Arbeitsstunden in Eigenleistung zu erbringen. Mein Opa war gelernter Ofensetzer und so erzählte er mir, das er die Kachelöfen in den Häusern gesetzt hat.

Diese Eigenleistungen wurden nach der eigentlichen Arbeit bei der Firma Zerssen geleistet und so fuhr mein Opa mit seiner NSU Quickly von der Arbeit in die Siedlung. Geschlafen hat er dann auf der Baustelle, ein fertiger Kachelofen wurde angebrannt und spendete Wärme. Morgens ging es dann von der Baustelle zur Arbeit bei Zerssen.

Auch an den Wochenenden wurde natürlich gearbeitet. Die geleisteten Arbeitsstunden wurden handschriftlich in einem Arbeitsbuch nachgewiesen. Die Herrn Jestel und Wenzel waren diejenigen, die die geleisteten Stunden aufgeschrieben und dokumentiert haben. Die Häuser wurden nach der Fertigstellung verlost.

Erst in den Siebziger Jahren wurde die Siedlung an die Abwasserkanalisation angeschlossen, das bedeutete, das alle Häuser vorher ein Plumsklo hatten, ein Eimer mit Torf und Schaufel stand bereit, um das Geschäft abzudecken. Je nach Füllstand wurde der „Goldeimer“ herausgetragen und auf dem Komposthaufen geleert, das war immer Opas Aufgabe. Dieser natürliche Dünger wurde dann im Frühjahr/Herbst auf dem Gartenland verteilt und untergegraben, das sicherte eine reiche Ernte. Es gab verschiedene Obstbäume, Äpfel, Birnen, Kirschen, Pflaumen gehörten dazu. Der hintere Garten wurde meist von den Männern bewirtschaftet, die Frauen versorgten das Viehzeug und der Vorgarten blühte vom Frühjahr bis in den Herbst.

Blumen wurden nicht gekauft, wenn man in die Nachbarschaft zum Klönen oder Kartenspiel ging, der Blumenstrauß kam aus dem eigenen Garten. Im Herbst wurde geerntet, eingemacht und alles im „Gemüsekeller“ eingelagert. Im Herbst wurden dann auch Hausschlachtungen durchgeführt, wir Kinder durften erst dazukommen, wenn das Schwein schon tod war, dann wurde Blut gerührt und Wurst gemacht. Es wurde alles verarbeitet. Zu besonderen Ereignissen wurde ein Kaninchen oder Huhn geschlachtet. Was der Gemüsekeller nicht hergab wurde bei den Kaufleuten Bartels dazu gekauft.

Ich habe alle meine Ferien bei meinen Großeltern verbracht, gespielt wurde auf der Straße oder auf dem Schietberg, ein Abenteuerspielplatz der besonderen Art. Der Schietberg war eine geschlossene Hausmülldeponie und bot für uns Kinder Abenteuer vor der Haustür. Die angrenzenden Kleingärten waren zum Teil verlassen und boten Früchte in jeder Form.

Das Spielen in unserer Straße und auf dem Rondell war mit einem gewissen Risiko verbunden. Sollte die Flugbahn des Fußballs die Straße verlassen und eine Schneise durch die Blumenvorgärten pflügen, musste man sich schnell verdrücken, bevor die Hausherrin den Schaden bemerkte. Das Spielen auf der Rasenfläche des Rondell war grundsätzlich verboten und die Bergung des Fußballs stellte eine Mutprobe dar. In der Siedlung haben wir alles gelernt, Gleitschuh laufen, Fahrrad fahren und auf Opas Quickly Moped fahren.

Geurlaubt wurde international in Kalifornien, einen Steinwurf von Brasilien entfernt in den firmeneigenen Ferienhäusern der Firma Zerssen direkt am Ostseestrand, 50 Meter hinter dem Deich. Die Familie Utecht hat mich jedes Jahr mitgenommen und so konnte ich dort mit meinem Freund Michael 14 unbeschwerte Urlaubstage verbringen. Abgeholt und wieder nach Hause gebracht wurde man mit einen VW Bus der Firma Zerssen, ein eigenes Auto hatte kaum jemand.

Die Gründung des Wohnungsbauvereins Siedlung Lebensfreude e.V. lässt sich heute nicht mehr genau erklären, es wird vermutet, das die monatliche Ratenzahlung über den Verein organisiert und abgewickelt wurde. Heute dient der Verein der Nachbarschaftshilfe und dem netten Miteinander unter den Bewohnern. Seit den Siebzigern wurde jedes Jahr im Sommer ein Kinderfest und abends ein Sommerfest mit Tanz gefeiert.

Ein Generationswechsel und auch der Verkauf von Siedlungshäusern hat es leider mit sich gebracht, das die Organisation eines so großen Festes immer schwieriger wurde und somit eingeschlafen ist. Zur Zeit führen wir drei Veranstaltungen im Jahr durch, unsere Jahreshauptversammlung im März, unser Siedlerkaffee mit selbstgemachten Torten und Kuchen im Sommer und unser Tannenbaumanleuchten am Samstag vor dem ersten Advent, mit oftmals 80 bis 100 Gästen bei Grillwurst und Punsch.

Heute am Freitag 12.Juni 2026 wird aber nochmals groß gefeiert.
Unsere älteste Mitbewohnerin Erika Elfert wird 100 Jahre jung.
15:00 Uhr Siedlungsstein Enthüllung, danach Einladung zu Kaffee und Kuchen.
Ab 18:00 Siedlungsparty für alle, mit DJ und Musik mit Tanz, für Verpflegung und Getränke wird zu günstigen Siedlerpreisen gesorgt.
Wohnungsbauverein Siedlung Lebensfreude 1. Vorsitzender Jens Sörensen